"Was ich durch den Orientalischen Tanz für mich gewonnen habe"


Ich hatte für eine Woche das Paradies gefunden: mitten in der Wildnis an der Dordogne war ich mit 15 anderen Frauen in eine neue Welt eingetaucht, die aus arabischer Musik, Grillenzirpen, heißer Sonne, französischer Küche, Baden unterm Wasserfall, Vollmondnächten, Körperarbeit und tanzen, tanzen, tanzen bis zum Umfallen bestand.

Meine Schuhe, die ich am Anfang der Woche irgendwo ausgezogen hatte, warteten dort geduldig bis zu meiner Abfahrt 7 Tage später. Ich war 25 Jahre jung und fühlte mich dem Himmel nah. Mein Leben als Studentin in der Stadt, tagsüber den Kopf über Bücher gebeugt, nachts philosophierend in Kneipen rumhängend, war weit, weit entfernt... war das nicht in einem früheren Leben gewesen? Hier entdeckte ich meinen Körper, wiegte meine Hüften, spürte das Gras und den Holzboden im Tanzraum unter meinen nackten Füßen. Ich rollte mich mit all den anderen Frauen über diesen herrlichen Boden, streckte und dehnte meine Glieder, entdeckte mit geschlossenen Augen meine Innenwelten, bewegte mich zu sanften Flötenklängen, lies meine Hüften erzittern zu feurigen Trommelschlägen, lauschte nachts den Grillen und tagsüber dieser wunderschönen arabischen Musik, die mich alles andere vergessen lies.

Am Ende der Woche fühlten sich meine Wirbelsäule und meine Hüften an wie geölt, mein Gang war weich und federnd und mein Herz frei und unbeschwert. Ich war geerdet und gehimmelt, fühlte mich sauwohl in meinem weiblichen Körper und verlies diesen Ort nicht ohne Tränen. Etwas war mit mir geschehen, ich fühlte mich wie verwandelt, in mir selbst zuhause, und ich wusste: mein Leben kann nach dieser Erfahrung nicht so weiter gehen wie bisher! Meine Füße fühlten sich unwohl in den Schuhen, die ich am Ende der Woche wieder anzog, meine Beine sehnten sich nach der luftigen Berührung der langen, fließenden Röcke, und mein ganzer Körper beschwerte sich, als ich ihn wieder hinter den Schreibtisch setzte und meine Nase erneut in die Bücher steckte. Brav kämpfte ich mich durch die russische Literatur, doch nach jedem zweiten Satz, den ich las, hörte ich in meinem Kopf ganz leise "ich will tanzen". Mit der Zeit hörte ich es immer lauter werden: "ich will tanzen, ich will tanzen, ich will tanzen....".

Ich fuhr zu Workshops. Nach München, Konstanz, Paris, London, Florenz! Ich lernte Ägyptischen Tanz, New Dance, Authentic Movement, folgte meinen Lehrerinnen, allen voran Suraya Hilal durch ganz Europa und sparte jeden Pfennig für meine neue Leidenschaft. Im Tanz hatte ich eine Möglichkeit gefunden, meine Gefühle auszudrücken. Meine Freude zu tanzen, aber auch meine Trauer, meine Sehnsucht, meine Wut. Ich entdeckte eine ungeahnte Kraft in mir und lernte, mich zu öffnen und zu zeigen, mit meinen Schwächen umzugehen, aber auch, diszipliniert zu üben, dranzubleiben, Frustration zu überwinden. Ich lernte eine neue Sprache, ein neues Repertoire an Bewegungsmustern, mit denen ich mich frei ausdrücken konnte, mich frei bewegen konnte. Ich lernte, meine Weiblichkeit zu geniessen. Und nicht zuletzt hatte ich neue Freundinnen gewonnen, die diese Leidenschaft mit mir teilten. Der Tanz lehrte uns viel über das Leben, und andersrum konnten wir im Tanz ausdrücken, was das Leben uns lehrte.

Als ich nach ein paar Jahren mein Studium abgeschlossen hatte, war für mich klar: es gibt kein Zurück mehr. Der Tanz lebte inzwischen in jeder meiner Zellen, und ich war schon zu weit ge...tanzt, sozusagen, um den Rest meines Lebens in einem Büro zu verbringen. Und so wagte ich einen riesen Schritt: Ich packte meine wenigen Habseligkeiten ein und verliess das beschauliche Freiburg, um ins rauhe Hamburg, die unbekannte Stadt zu ziehen. In Hamburg wollte ich ein Bauchtanzstudio aufmachen, so der Plan....

... um es kurz zu machen: es war nicht leicht, aber ich blieb dran. Und 4 Jahre später hatte sich mein Traum erfüllt. Ein Tanzstudio für Orientalischen Tanz, Pilates und Yin Flow Dance. Hier, mitten in Hamburg in der Hoheluftchaussee erfreue ich mich nun schon seit 13 Jahren daran, etwas von dem weiter zu geben, was in mir vor vielen, vielen Jahren an der Dordogne angefangen hatte: ein Gefühl von Freiheit und Lebensfreude, sinnliches, geerdetes Körpergefühl, und vor allem das Aufgehen in der Musik während wir tanzen.

....nur die Grillen, die Sonne und der kleine Wasserfall fehlen. 


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 http://www.raqssharqi-hamburg.de/

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